Philosophie und Erfahrung.





Eine Antrittsrede





von





Dr. Robert Zimmermann,


ö. ord. Professor der Philosophie an der k. k. Universität zu Wien.







Gehalten am 15. April 1861.










WIEN, 1861.


Wilhelm Braumüller


k. k. Hofbuchhändler.









Meine Herren!






In dem Augenblick, in welchem der akademische Lehrer zum erstenmal vor ein neues Hörerpublikum tritt, mag es ihm wol erlaubt sein, was sonst die Würde des Ortes verwehrt, an Persönliches anzuknüpfen. Als ich gerade vor zwölf Jahren als angehender Privatdocent diese Kanzel zum erstenmale bestieg, waren eben die Schranken gefallen, welche das österreichische Unterrichtswesen seit Jahrhunderten dem deutschen Geiste entfremdet hatten. Ich kehre als ordentlicher Lehrer heute auf dieselbe zurück, in einem Moment, wo auf's neue ein frischer Wind sich erhoben, und das inzwischen angesammelte Wolkenheer einem belebenden Sonnenblick Platz gemacht hat. Kein Lehrer kann diesen wohlthätigen Wechsel tiefer und freudiger empfinden, als der Vertreter der Philosophie. Sie, welche ohne begrenztes Gebiet nicht sowol ein besonderes Wissen, als vielmehr die Alles durchdringende forschende und ordnende Seele unseres Gesammtwissens sein soll, kann nicht unter der Glasglocke athmen. Wo eine äussere Autorität, sie sei wie immer beschaffen, ihr die Wege vorschreibt, welche sie wandeln, die Ziele bezeichnet, bei denen sie anlangen soll, da sind ihre Glieder gelähmt, ihre Schwingen gebrochen, [3/4] wird unsere Wissenschaft selbst zur brauchbaren Hausmagd erniedert, deren Bestimmung es ist, des Geistes von fremder Hand abgesteckten Wohnungsraum zu fegen und zu säubern.

Jahrhunderte lang war in diesem Lande der drückende Bann, der auf den Geistern lag, mehr als der Mangel an ursprünglicher Anlage im Stande, ein selbstständiges Aufblühen der Philosophie nicht nur, sondern auch den werkthätigen Anschluss an die Bestrebungen anderer Deutschen zurückzuhalten. So lange die Wiener Hochschule zum grössten Theile in Ordenshänden sich befand, herrschte in ihren philosophischen Hörsälen die mittelalterliche Scholastik; als sie mit dem Anbruch einer aufgeklärteren Zeit ungefähr nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts in weltliche Leitung überging, machte das von obenher angeordnete Massregelungs- und Bevormundungssystem der Lehrer, Lehren und Lehrbücher die unabhängige Entwickelung eines freien Gedankenganges unmöglich.

Die Wolff'sche Philosophie, in Feder'scher Abschwächung mit wenigen Brocken englischen Skepticismus versetzt, wurde die geistige Nahrung der wissensdurstigen Jugend Oesterreichs. Wer wie jener feingebildete Mönch von St. Michael in Wien nach Höherem Verlangen trug, hatte keine andere Wahl, als nach abgestreiftem Klosterkleid heimlich den Weg über die Grenze in Wieland's gastfreundliche Freistätte zu suchen.

Dieser Barnabitermönch, den die Welt unter dem bürgerlichen Namen Karl Leonhard Reinhold kennt und jener Klagenfurter Herbert, der einstige Hausgenosse Schiller's, sind die einzigen öffentlichen Zeugen [4/5] für die Betheiligung der verschlossenen Geisterwelt diesseits des Inns und der Erzberge in dem gewaltigen Umschwung, von welchem gegen das Ende des verflossenen, des philosophischen Jahrhunderts, die Geister des jenseitigen Deutschlands sich ergriffen fanden.

Hatte ein Leibnitz noch kaum ein Jahrhundert zuvor wie eine fremde Erscheinung unter den Seinigen gestanden, gefürchtet von Vielen, angestaunt von Wenigen, begriffen von Keinem, so riss dagegen Kant's kritisches Auftreten nach kurzem athemlosem Staunen die Mitwelt unwiderstehlich mit sich fort, beherrschte Fichte's energischer Charakter wie ein Eroberer Geist und Herz seiner Zeitgenossen, trug Schelling mit dem dithyrambischen Fluge seiner von dichterischen Fittichen beschwingten Naturphilosophie wahlverwandte Gemüther zu den schwindelnden Höhen theosophischer Spekulation empor.

Philosophie ward die Losung der Zeit. Inmitten seiner tiefsten politischen Erniedrigung suchte und fand der Deutsche Trost und Ersatz für die verlorene Herrlichkeit der sinnlichen im unbeneideten Besitz übersinnlicher Weltherrschaft, und für den vaterländischen Boden, den ihm ein fremder Tyrann unter den Füssen entwand, tauschte er willig und befriedigt die schrankenlose Unendlichkeit ein, welche sein zum Absoluten erweitertes Selbst ihm eröffnete.

Als ich das letztemal, meine Herren, von diesem Platze aus sprach, lebte der letzte Veteran aus jener philosophischen Heroenzeit noch, der philosophische Proteus, vom Verhängniss, wie es schien, bis fast zur äussersten Grenze menschlicher Daseinsfähigkeit aufgespart, um an seiner Person die Wandlungen des [5/6] umfassendsten Gedankenganges der Neuzeit aufzuzeigen. Seitdem ist auch Schelling hinübergegangen, und was er uns jetzt zu offenbaren vermöchte, würde ohne Zweifel manche seiner irdischen Offenbarungen aufwiegen. Ich sehe ihn noch vor mir, den kurzen gedrungenen Mann mit den im Alter noch feurigen Augen und der mächtigen Stirn, sardonisches Lächeln auf den Lippen über die wandelbare Zeit, die ihn als Jüngling vergöttert, vom Manne sich abgewandt und den Greis fast verspottet hat, als er hinüberzog aus dem gläubigen stillen kunsttrunkenen München in das zweifelnde lärmende verstandesnüchterne Berlin.

Es war das Schicksal der Philosophie selbst, das an Schelling sich darstellte: angestaunt wie eine Prophetin, genutzt und gebraucht, wie ein folgsames, verfolgt und gefürchtet wie ein schädliches Instrument, zuletzt verlacht und bei Seite gestellt zu werden, wie eine hirnlose Träumerin. Dahin ist es mit ihr gekommen, dass die Unwissenschaft und die sich so nennende Wissenschaft, die positive Autorität und die angeblich allein völlig auf sich gestellte Natur- und Geschichtsforschung gegen sie sich erklärt haben, dass die Kirche, der sie im Mittelalter, der Staat, dem sie noch in diesem Jahrhundert, der wissenschaftliche Fortschritt, dem sie zu aller Zeit als willkommene Stütze gedient, im unnatürlichen Bunde ihre gemeinsamen Gegner wurden. Es lohnt der Mühe zu untersuchen, ob es die Philosophie selbst, oder was uns wenigstens wahrscheinlicher bedünkt, nur eine verirrte Richtung derselben es sei, welche diese Abneigung verschuldet hat.

Lassen Sie uns, meine Herren, zu diesem Zweck einen Blick werfen auf den Ursprung und Gang ihrer [6/7] Entwickelung. Mit der Wahrnehmung, einer äusseren oder inneren, hebt alles Nachdenken an; aus einem Kampf gegen das Lückenhafte Widerspruchsvolle Unzureichende jeder auf nur äussere Wahrnehmung begründeten Erkenntniss, eines blossen Empirismus, ist alle Philosophie hervorgegangen. Unähnlich der empirischen, die sich an die Beobachtung, unähnlich der historischen Wissenschaft, die sich nur an das äussere Zeugniss hält, geht ihr Streben dahin, ein in sich zusammenhängendes, mit den Gesetzen des Denkens harmonirendes Wissen zu schaffen. Wo der äussere Sinn sie im Stich lässt, sieht sie daher nach einer andern seine Lücken ergänzenden Erkenntnissquelle sich um, setzt dem äusseren einen inneren, der Erfahrung ein reines Denken, dem a posteriori ein a priori, der Sinnlichkeit die Vernunft, der sinnlichen Anschauung eine reine, intellectuale, transcendentale, absolute gegenüber. Daraus entspringen zweierlei Welten: die bruchstückweise, locker verbundenen in blosser Thatsächlichkeit beharrende des empirischen, und dieinnere Ganzheit wenigstens anstrebende, systematisch gegliederte, von dem Gefühle innerer Nothwendigkeit begleitete des philosophischen Wissens.

Aber auch hier ist noch zweierlei möglich. Das reine Denken, welches die Philosophie der Erfahrung ergänzend zur Seite stellt, ist entweder discursiv, über das äusserlich Angeschaute nach Denkgesetzen reflectirend, oder intuitiv, d. h. selber anschauend. Jenes setzt die Erfahrung voraus, wie der Bildner den Stoff; dieses ersetzt die Erfahrung, wie der Seidenwurm, der aus sich selbst spinnt. Das erstere schöpft aus der Aussenwelt, das letztere setzt sie aus [7/8] sich heraus; jenem ist sie ein Gegebenes, diesem sein eigenes Produkt. Wie aus dem mit strengem Ausschluss alles reinen Denkens nur an die äussere Wahrnehmung sich haltenden Forschen eine (empirische) Anschauungswissenschaft, so entwickelt sich ebenso einseitig aus dem mit Verbannung aller äusserlichen Thatsachen an der intuitiven Natur des reinen Denkens allein festhaltenden Nachdenken eine (intellectuale) Anschauungsphilosophie. Beide verhalten sich zu einander wie ihre Erkenntnissorgane, die sinnliche (empirische) und die reine (intellectuale) Anschauung. Zwischen beiden steht die an die Erfahrung sich anschliessende, aber über dieselbe mittels des reinen discursiven Denkens reflectirende (empirisch-rationale) Erfahrungsphilosophie.

Zwischen den Gegensätzen der Anschauungs- und der Erfahrungsphilosophie, deren erste die Totalität nicht der wirklichen allein, sondern aller überhaupt möglichen Erfahrung durch intuitives reines Denken zu besitzen vorgibt, während die letztere die wie sie gegeben ist, unhaltbare Erfahrung durch reines reflectirendes Denken zu berichtigen sich bemüht, hat sich die Philosophie seit ihrem Ursprung bewegt, und wird sie sich bewegen, so lange das psychische Wesen des Menschen und sein wahres oder vermeintes Erkenntnissvermögen dasselbe bleibt. Der sinnige Mythos des Platon, welcher die Seele einem Gespann von einem weissen himmelanstrebenden und einem schwarzen zur Erde hinabgezogenen Rosse vergleicht, leidet noch eine andere Auslegung. Unzertrennlich wohnen im Menschen das Gefühl seines Beschränktseins und der unauslöschliche Trieb nach Unendlichem [8/9] zusammen; wohin das Können nicht reicht, eilt die sehnsüchtige Lust auf geflügeltem Wagen ihm voran. Von Stufe zu Stufe steigert das wachsende Verlangen nach allumfassender Erkenntniss die Illusion des Besitzes eines entsprechenden Vermögens, und wenn die letztere so mächtig wird, dass sie sich über die Schranken der Sinnlichkeit zu täuschen vermag, dann fühlt der schwärmende Denker in intellectualer Anschauungsverzückung sich der Welt entrückt, sein Subject zum Gott, das Bewusstsein seiner selbst zum Allbewusstsein erweitert, dann bedünkt ihn nichts fremd, nichts unerreichbar mehr und in seliger Intuition geniesst sein schrankenlos gewordenes Denken der Einheit mit dem unendlichen Universum.

Schon das Alterthum kannte diesen Gegensatz und charakterisirte seine Seiten durch die Platonische Ideal- und die Aristotelische Verstandesphilosophie. Der Neuplatonismus setzte dem sinnlichen das geistige Auge entgegen, und erhob in stetig aufsteigender Reihe das durch Askese geläuterte Subject zur Höhe der idealen, der göttlichen Schauung. Viermal hat, wenn wir den Berichten seines eifrigsten Schülers glauben dürfen, der Stifter der neuplatonischen Philosophie das Glück der höchsten Vereinigung mit dem göttlichen Urwesen genossen, aber schon Porphyrius klagt, dass die gleiche Gunst ihm selbst nur ein einziges mal und auch da nicht vollkommen zu Theil geworden sei. Theosophen und Mystiker des früheren wie des späteren Mittelalters schlossen der intellectualen Anschauungsphilosophie der Neuplatoniker sich an, während die eigentlichen Scholastiker allmälig sich vom Platonismus ab- und dem Aristoteles zuwandten. Bacon bekämpfte den letzteren, dem seine empirische Denkweise doch [9/10] im Innersten verwandt war, während Cartesius an der Schwelle der neueren Philosophie stehend, auf die Anamnese Platon's in verwandelter Form zurückging, und die intellectuale Schauung der höchsten Einheit des unendlichen Denkens und der unendlichen Ausdehnung in der göttlichen Substanz dem Spinozismus zu Grunde lag. Locke's scharfsinnige Kritik machte die angeborenen Ideen der Erkenntnisstheorie des Cartesius schwinden, während Leibnitz auf den Schultern all seiner Vorgänger erhoben zwischen beiden entgegengesetzten Parteien des Idealismus und Sensualismus eine Versöhnung anstrebte. Sein Ausspruch fiel dahin aus, dass keine Idee angeboren, aber die Seele auch umgekehrt nicht tabula rasa sei. Sie gleicht vielmehr einem Marmor, der seine Form von Aussen empfängt, obgleich dessen inneres Geäder die Gestaltung, deren er fähig sein wird, schon gewissermassen andeutet. Indem er sich so gegen die innere, aber auch gegen die äussere Anschauung als ausschliessliche Quelle unserer Erkenntniss erklärte, bahnte er eine Richtung an, welche zwischen einer unphilosophischen blossen Anschauungswissenschaft und einer blos anschauenden Philosophie mitten hindurch zur Philosophie und Erfahrung versöhnenden Philosophie der Erfahrung zu führen bestimmt war.

Freilich zunächst nur im Widerspruch mit dem eigenen Systeme. Wie soll die Erkenntniss auch nur theilweise aus äusserer Anschauung stammen, so lange das Innere der Seele als Monas, die ja nach dem bekannten Ausspruch „keine Fenster" hat, jeder Anregung von aussenher schlechthin unzugänglich bleibt? Wenn aber kein Element der Erkenntniss mittels äusserer [10/11] Wahrnehmung in's Innere gelangt, woher soll jene dann anders als aus geistiger Intuition kommen? Der Gegensatz beider Richtungen, des Intellectualismus und Sensualismus tritt in aller Schärfe an's Tageslicht; die versuchte Vermittelung schwindet in nichts zusammen. Die Unzulässigkeit äusseren Einflusses auf die erkennen sollende Seele macht alle äussere Erfahrung für dieselbe unmöglich; die Zufälligkeit der Formen, in welche die äussere Wahrnehmung sich kleidet, jede ausschliesslich auf letztere gebaute Erkenntniss ungewiss. Locke's empirische Richtung gipfelt in Hume's Skepticismus; Wolff's Zurücknahme der Fensterlosigkeit der Monaden verschmilzt den influxus physicus mit der prästabilirten Harmonie in unnatürlicher Ehe. Der Versuch, englische Verstandeskritik mit Wolffischem Dogmatismus zu einen, verflacht den tiefsinnigen Idealismus der Leibnitz'schen Monadenlehre zur seichten Oberflächlichkeit der Popularphilosophie.

Den Faden, den Leibnitz fallen gelassen, nahm Kant wieder auf, obwol in eigenthümlicher Weise. Er geht wie der Sensualismus von der äusseren Erfahrung aus, aber er sucht wie der Intellectualismus ihr Allgemeinheit und Nothwendigkeit, die Eigenschaften der Erkenntniss durch reines Denken zu verleihen. Dies geschieht, wenn die Erfahrung nur dem Stoff nach von aussen stammt, der Form nach aber von innen, durch den Erfahrenden bestimmt ist. Wie der Marmor unter dem Meissel nur demjenigen Gebilde sich fügt, dessen Gestalt durch seine innere Structur gleichsam von Anbeginn in ihm prädestinirt ist, so nimmt die Erscheinung im Subject nur diejenige Gestaltung an, welche die Natur seines Erkenntnissvermögens [11/12] dieselbe anzunehmen nöthigt. Realistisch dem Stoffe, wird die Erfahrung idealistisch den Formen derselben nach.

Die ersten Formen des sinnlich Angeschauten sind räumliche und zeitliche. Raum und Zeit sind nicht Objecte der sinnlichen Anschauung, beide sind aber ebensowenig Begriffe oder Ideen des reinen Denkens, vielmehr sind beide Gegenstand einer besonderen Art der Anschauung, welche im Gegensatz gegen die äussere, durch die Sinnesorgane vermittelte die reine heisst. Mit den Sinnen hat sie die Anschaulichkeit, mit dem reinen Denken die Allgemeinheit und Nothwendigkeit gemein; die Möglichkeit einer reinen, d. h. nicht empirischen Anschauung, auf welcher die Anschauungsphilosophie beruht, ist durch den Kriticismus gewährleistet.

Ein verhängnissvoller Rubikon war damit neuerdings überschritten. Der Kriticismus bricht mit der reinen Anschauungsphilosophie, indem er neben der intellectualen eine sinnliche, er entfernt sich aber auch wieder von der Erfahrungsphilosophie, indem er neben der sinnlichen eine reine Anschauung zulässt. Wenn nun die Form alles sinnlich Angeschauten auf der letzteren beruht, warum soll die Materie desselben schlechterdings durch empirische Anschauung gegeben sein?

Entstehen musste die Frage, sobald der einzige Grund, auf welchen die Kantische Trennung des Stoffes von der Form der Erfahrung sich beruft, in seiner Unhaltbarkeit erkannt war. Fichte'n gebührt das Verdienst, zuerst eingesehen zu haben, es sei inconsequent, nur die Form aller Erscheinung vom Subjekt abhängen zu lassen, während das einzige Motiv für die Annahme [12/13] eines von dieser verschiedenen An-Sich, die Kategorie der Causalität selbst nichts als eine Denkform des erkennenden Subjectes ist. Schlechterdings unberechtigt ist daher die Behauptung, das erfahrende Subject empfange auch nur die Materie seiner Erfahrung, von einer von ihm selbst verschiedenen Welt an sich, und eben so schlechterdings nothwendig die entgegengesetzte, dass die Erfahrung des Subjectes dem Stoff und der Form nach sein eigenes Produkt sei. Dem Erkennen muss das Erzeugen, das Thun dem Wissen vorausgehen; der idealistische Fortsetzer der kritischen Philosophie schreibt mit der Bibelübersetzung Faust's: Im Anfang war die That!

Durch die Anerkennung der empirischen Anschauung als stofflichen Faktors der Erfahrung hatte die kritische Philosophie dem Empirismus sich zugeneigt; durch die Verwandlung der sinnlichen Anschauung auch der Materie nach in eine That des Subjectes schien der Sieg der reinen Anschauungsphilosophie sofort entschieden. Die Stelle des receptiven Sinns nahm eine produktive Einbildungskraft, den Platz der gegebenen eine im eigentlichen Wortverstand gebildete Erfahrung ein.

Wer bürgte dafür, ob die so gebildete nicht eine blos eingebildete Erfahrung sei? Schon Fichte gestand, die Produktion der Einbildungskraft sei in unbegreifliche Schranken eingeschlossen und verrieth dadurch das Bedürfniss, derselben einen hinter ihr gelegenen Hintergrund zu geben. Dass er den eigentlichen Fragepunkt dadurch nur zurückschob, den Grund für die den Kern des Subjekts ausmachende produktive Thätigkeit in einen verborgenen Urkern desselben zurück [13/14] verlegte, ist ihm so wenig wie seinen auf diese absolute Grundlage hinsteuernden Nachfolgern verborgen geblieben. Es müsse einen Punkt geben, führte der Idealismus aus, auf dem der Gesichtspunkt der endlichen Intelligenz mit dem der unendlichen in eins zusammenfalle, wo wir die Dinge so gewahren, wie sie das göttliche Wesen selbst an unserer Stelle erblicken müsste. Eine von diesem aus gebildete Erfahrung aber kann keine blos eingebildete mehr sein; ihre Identität mit der objektiven Welt ist durch den theocentrischen Standpunkt des Beobachters entschieden. Der letztere kann allerdings nicht demonstrirt, er kann nur erflogen, oder durch allmälige Emporhebung des Bewusstseins phänomenologisch erstiegen werden. Für die erreichte Einheit des Endlichen mit dem Unendlichen, des Ich's mit dem Urich, des Subjektiven und Objektiven im absoluten Geist gibt es keinen anderen Erweis, als die reine (intellektuale, transcendentale, absolute) Anschauung.

Auf die Produktion der Erfahrung der Form nach hatte Kant's Besonnenheit die Mitthätigkeit des erfahrenden Subjektes beschränkt, auf die Produktion aller Erfahrung der Form und dem Stoffe nach dehnte der fortgeschrittene Idealismus den kritischen Hauptgedanken aus. Aus dem Holz der reinen Anschauungsformen der transcendentalen Aesthetik Kant's wurde der Rennwagen gezimmert, auf welchem die neuen Pha tone zum Sonnensitze emporfuhren. War man einmal dahin gelangt mit geistigen Augen zu schauen, die kein empirischer Psycholog an der Seele zu entdecken im Stande war, dann gab es für den Gesichtskreis allerdings keine Grenze mehr und der unerschöpfliche Born spekulativer Phantasie sprang in überreicher Fülle. [14/15]

Wir weilen nicht bei den Luftschlössern, durch welche idealistische Natur- und Geschichtsphilosophien uns Natur und Geschichte ersetzen zu können gewähnt haben. Mancherlei kühne Combinationen hat die Beobachtung nachher bestätigt; keine, bei welcher nicht verstohlenerweise eingeschwärzte Erfahrung das Beste gethan hätte. Wirkte der Idealismus befruchtend zurück auf Natur- und Geschichtsforschung, so war es, weil Natur und Geschichte erst befruchtend auf die Spekulation gewirkt hatten. Die stolze Verleugnung des Brunnens, bei dem die spekulativen Krüge zu Gaste gingen, hat nicht zu hindern vermocht, dass die Gefässe endlich brachen.



Der Rückschlag konnte nicht ausbleiben. Einer die Erfahrung ignorirenden Philosophie ist eine die Philosophie negirende Erfahrungswissenschaft auf dem Fusse gefolgt. Hatte der Idealismus nur zugelassen, was sich aus innerer Anschauung construiren, so wies diese Alles ab, was sich nicht durch äussere Wahrnehmung belegen liess. Jener berief sich auf die nicht zum Schweigen zu bringende Evidenz der reinen Anschauung; diese auf das zwingende Gebot der reinen Thatsache. Jener löste die Natur in Geist, diese den Geist in Natur auf: die unfehlbare Methode des dialektisch in Gegensätzen sich bewegenden Idealismus rief in ironischer Selbstbewährung dessen vernichtendes Gegentheil, den Empirismus ins Dasein.



Die Mängel beider Ausschreitungen sind entgegengesetzter Art. Der Idealismus, angeblich aus dem Inneren schöpfend, was er wissentlich oder unwissentlich heimlich aus der Erfahrung entlehnt, möchte den [15/16] Einfluss des Objektes, der Empirismus, auch das der reinen Thatsache zulegend, was er sich selbst unbewusst erfahrend aus reinem Denken in diese hineingelegt, den des Subjektes verleugnen. Mit Vorerfahrung geht jener an die Erschaffung aller Erfahrung, mit Vorbegriffen dieser an die Erzeugung angeblich der Erfahrung allein entnommener Begriffe heran. Das Freisein vom Einfluss der Thatsachen ist bei jenem eben so sehr Selbsttäuschung, wie bei diesem das Entblösstsein von jeder grundlegenden Theorie.

Durch reines Denken möchte die intuitive Anschauungsphilosophie die Erfahrung, durch blosse Erfahrung die nackte Erfahrungswissenschaft das reine Denken entbehrlich machen. Wenn aber dort dem reinen Denken die Erfahrung, die sich durch nichts ersetzen, so stellt hier der baaren Erfahrung das Denkgesetz sich gegenüber, das sich durch nichts beugen lässt. Die Ausgleichung zwischen beiden, nicht die Aufhebung des einen durch das andere ist die Aufgabe einer mit Recht so zu nennenden Erfahrungsphilosophie.

Aus der Kant'schen Behauptung eines die Form aller Erfahrung producirenden Subjectes ist der Idealismus der intuitiven Anschauungsphilosophie mit all seinen Consequenzen hervorgewachsen, aus der Nichtanerkennung des obersten Ansehens der Denkgesetze gegenüber den Thatsachen geht der Empirismus, die Unphilosophie hervor. Jene muss aufgegeben, die Form aller Erfahrung muss als ebenso unabweislich gegeben anerkannt werden, wie die Materie derselben; diese muss fallen gelassen, d. h. das Denkgesetz der Erfahrung gegenüber in voller Schärfe aufrecht [16/17] erhalten werden; durch das letztere steht die echte Erfahrungsphilosophie als solche der Unphilosophie, durch das erstere als Realismus dem Idealismus gegenüber.

Es kann hier nicht der Ort sein, den Resultaten dieser Denkweise vorzugreifen. Dieselbe knöpft an das Gegebene als einzigen Ausgangspunkt an, und ist insofern empirisch; sie begnügt sich aber keineswegs mit jedem beliebig Gegebenen oder dafür Ausgegebenem, und ist insofern kritisch. Dieselbe erkennt die subjective Qualität des sinnlichen Erfahrungsstoffes an und ist insofern idealistisch; aber sie dehnt dieselbe weder auf das verborgene An-Sich, noch auf die Formen der Erscheinung aus und insofern ist sie realistisch. Indem sie dem Empirismus die berechtigte Empirie ohne gedankenlose Gläubigkeit, dem Idealismus die Idealität der Erscheinungswelt ohne deren erfahrungslose Selbstproduktion entlehnt, ist sie die Gegnerin zugleich und die Vermittlerin beider entgegengesetzten Weltanschauungen in der Schule und auf dem Boden eines geläuterten Kriticismus.

Wenn wir in den folgenden Vorträgen für diese Denkweise den Namen der Philosophie vorzugsweise in Anspruch nehmen, so geschieht es, weil uns die blosse Erfahrungswissenschaft auf diesen überhauptkeinen, die reine Anschauungsphilosophie dagegen uns auf den der Poesie gerechteren zu haben scheint. Wie die Phantasie dem Dichter, geziemt dem Denker der logische Verstand. Wenn es die Philosophie verschmäht, sich über die Nothwendigkeit jedes Schrittes auf dem Gebiete ihrer Begriffe strenge Rechenschaft zu geben, wenn sie als Criterium der Wahrheit statt auf den [17/18] allgemeinen und nothwendigen Inhalt objektiver Begriffe sich auf die angebliche Erfahrung einer nur Auserwählten zugänglichen höheren Anschauung beruft, dann hat sie den ihrer allein würdigen Charakter längst eingebüsst und ist bei dem Satz der Sophisten angelangt, dass der Mensch das Mass aller Dinge sei. Diese anschauende Philosophie hat die letztere selbst in Verruf gebracht, eine dem Denken wie der Erfahrung gerecht werdende Wissenschaft muss ihren Ruf wieder herstellen. Wenn die Anzeichen nicht trügen, ist ihre Zeit nicht mehr fern. Das Forschen, von der zerstreuenden Fülle empirischer Einzelthatsachen ermüdet, beginnt nach Principien und innerem logischen Zusammenhalt sich zu sehnen. Wie im Anfang unseres Jahrhunderts Philosophen zur Naturforschung hin-, so sehen wir jetzt geistreiche gefeierte Naturforscher sich zur Philosophie zurückwenden. Hofften sie damals von ihr, dass sie Thatsachen erfinde, greifen sie jetzt nach derselben, dass sie die gesammelten sichte. Die philosophische Aufgabe der Gegenwart ist die Kritik aller gegebenen Erfahrung.

Wir schliessen hier unsere Betrachtung, Philosophie und Erfahrung sind für einander unentbehrlich; jene knüpft an diese an, diese wird durch jene berechtigt. Philosophie ohne Erfahrung wird zur hohlen Schwärmerei, Erfahrung ohne Philosophie zur kritiklosen Meinung. Wie von selbst hat der historische Entwickelungsgang die Philosophie zu einer Methode zurückgelenkt, welche weniger vielversprechend in ihren Verheissungen und vielleicht weniger glänzend in ihren nächsten Ergebnissen, im Erfüllen der ersteren und im Sichbewähren der letzteren verlässiger [18/19] sich erweisen dürfte, als so manche ihrer hochfahrenden Vorgängerinnen. Ebensoweit entfernt von eitler Selbsterhebung über, wie von feiler Willfährigkeit gegen das thatsächlich Gegebene, will sie die äussere Erfahrung weder ersetzen noch umstossen, aber auch nicht, wie sie gegeben ist, behalten, wenn die Gesetze des Denkens sich mit ihr nicht in Uebereinstimmung befinden. Ebenso unfähig, das reine Denken um der Erfahrung, wie diese um jenes willen fallen zu lassen, sucht sie in möglichen oder thatsächlich vorliegenden Widersprüchen beider nur die freudig begrüssten Antriebe zu weitergehender Forschung.

Mögen denn immerhin Kurzsichtige jenen Begeisterten zujauchzen, die mit der Sorglosigkeit des Genius ihre Strasse gebahnt wähnten, weil ein gefügiges Flügelross sie über die Abgründe hinwegtrug! Mögen die Aengstlichen fernbleiben, die in bequemer Behaglichkeit den Werth des Philosophirens nach dessen erlangten Ergebnissen abmessen, ohne zu ahnen, dass nicht diese, sondern das in wenn auch fruchtlosem Ringen um ewige Probleme erstarkte Denken der Lohn und die Blüte des Forschens sind. Sie, die wahren Profanen, weist die Philosophie aus ihrem Vorhof zurück, für sie gibt es keine andere Hoffnung als das Ruhkissen des Glaubens. Tausend und tausend misslungene Versuche können den freudigen Stolz nicht tilgen, welcher die Menschenbrust bei dem Gedanken erfüllt, Aufgaben sich stellen zu dürfen, deren Lösung in unendlicher Ferne liegt. Mühloser allerdings und für Schwache verlockender mag es sein, die volle Wahrheit im Fluge oder aus der gütigen Hand des ewigen Gebers zu empfangen; wir aber schätzen mit Lessing die ernste Göttin zu [19/20] hoch, als dass wir sie anders als durch rastlose Denkarbeit verdienen wollten, und stärken uns, wenn die Kräfte uns verlassen, an des Dichters erhabenem Wort:



Nur der geniesst die Freiheit und das Leben,
Der täglich sie erobern muss!



Mit diesen Gesinnungen, meine Herren, biete ich mich Ihnen als Führer an. Wir haben Alle dasselbe Ziel, lassen Sie uns auch einen gemeinsamen Weg wandeln. Sehen Sie mich als Ihren Freund, als Ihren Berather, als Ihren Commilitonen an, denn auf dem Boden der Philosophie, meine Herren, bleiben wir unser Leben lang doch Alle Studenten!

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